Netzpläne mit konzentrischen Kreisen






Im Dezember 2012 öffnete der letzte Abschnitt der neuen Londoner inneren Ringbahn. Deshalb stellten einige Designer Netzpläne auf der Basis konzentrischer Kreise vor, die die neuen Ringverbindungen hervorhoben. Leider stülpten die meisten lediglich Kreise über die traditionelle Harry Beck-Geometrie: horizontale, vertikale und 45°-diagonale Linien. Geht man von einem Kreis aus, verlieren diese drei Winkel ihre Besonderheit, weshalb diese Entwürfe darunter leiden, dass die Elemente nicht harmonieren.

Kreise und gerade Linien lassen sich dagegen am besten kombinieren, wenn man mit radialen und tangentialen Linien arbeitet. So erblickte mein Kreis-U-Bahnplan (Circles Tube Map) das Licht der Welt, ein Design, das sich im Internet in Windeseile verbreitete. Vielen war das Konzept zu ungewohnt, während es andere durch ihren fremdartigen Charme faszinierte, so anders als alle U-Bahnpläne zuvor.

Der Kreis-U-Bahnplan war zunächst als spielerisches Experiment und nicht als Fortschritt in der Benutzbarkeit geplant. Die positive Resonanz ließ mich jedoch umdenken. Das Konzept ist nicht das einfachste - mit zahlreichen Richtungsänderungen und unvermeidbaren Abknickungen. Es punktet aber massiv bei der Kohärenz - der Art, wie die Elemente des Diagramms insgesamt miteinander harmonieren, was im Idealfall zu einem Plan mit glasklarer Gestalt führt. Diese Netzpläne strukturieren die Städte in bisher unbekanntem Maße. Dieser Gedanke war mir zu Beginn dieses Designs nicht gekommen, und Studien zur Benutzerfreundlichkeit werden nun durchgeführt, um diesen Aspekt zu untersuchen.

New York ist die neunte Etappe meiner Weltreise in Sachen Kreis-Netzpläne. Eigentlich höchst ungeeignet - wie sollte sich eine schachbrettartige Stadt ohne offensichtlich ringförmige Komponente für dieses Konzept eignen? Zur großen Überraschung musste man nur einen geeigneten Kreismittelpunkt finden, und schon fand - fast - alles seinen Platz wie von selbst, außer eine Handvoll unpassender Örtlichkeiten. Man mag seinen ästhetischen Wert bezweifeln, geografische Puristen mögen den Plan wie alle anderen schematischen Netzpläne ablehnen - es ist fraglos ein kraftvolles Design.

Es ist überraschend, auf wie viele Städte dieser Ansatz passt, und die Ergebnisse sind aus ästhetischer Sicht oft spektakulär. Geografische Verzerrungen kommen vor, bei manchen Städten mehr als bei anderen. Ich habe jedoch immer geografische Karten und schematische Netzpläne strikt getrennt gesehen, beide spielen ihre eigene Rolle, beide haben ihren spezifischen Zweck zu erfüllen. Deshalb sind Verkehrsunternehmen, die ihren Kunden nicht beide Arten anbieten, schlecht beraten. Ein guter geografischer Plan zeigt, wo sich das Netz befindet, während ein guter schematischer Plan den logischen Zusammenhang zwischen den Netzelementen zeigt. Ein halbherziger Kompromiss erfüllt keines von beiden.

Was die Benutzerfreundlichkeitsstudien auch immer ergeben mögen, ein Produkt, das viele Menschen attraktiv und wirkungsvoll finden, so dass sie es gerne betrachten, ist für den Informationsdesigner schon fast ein Hit. Attraktive Karten benutzt man lieber und sucht seltener anderswo nach Information. Dafür erfährt man mehr über das Verkehrsnetz je öfter man diesen Netzplan nutzt - ein sich selbst verstärkender Lernkreislauf. Bei ästhetischen Aspekten ist es leider unmöglich, es stets allen Menschen Recht zu machen. Vielleicht ist es daher an der Zeit, den Benutzern eine Alternative anzubieten, so dass sie das Design wählen können, mit dem sie sich am wohlsten fühlen.

Netzpläne mit Kreisen - eine kurze Historie

Netzpläne mit einem Kreis als Gestaltungselement sind selten. Solche, die auf konzentrischen Kreisen basieren, noch mehr. Und solche, in denen die geraden Linien ausschließlich exakt radial verlaufen sind am allerseltensten. In meiner Arbeit gelang mir dies erst im dritten Anlauf, und zwar für Berlin. Hier folgt eine kurze Historie der Netzpläne mit Kreisen als Basis. Weitere Grafiken werden hinzukommen, wenn ich auf sie aufmerksam werde. Wenn Sie weitere interessante Entwürfe in dieser Richtung kennen, geben Sie mir bitte einen Tipp.


Der erste schematische Netzplan überhaupt (Berlin, 1931)

Eine Art Ringlinie kommt in vielen Nahverkehrsnetzen vor. Ein solches potenziell ordnendes Element hat viele Designer gereizt, es als Kern ihres Diagramms geometrisch hervorzuheben. Berlin war hierbei in beiden Aspekten weltweit ganz vorn: erste Ringlinie, erster Gesamt-Netzplan. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte, denn die geraden Linien auf dem Berliner Plan bilden ‘Standardwinkel’ (horizontale und vertikale Geraden mit 45°-Diagonalen), zwei Jahre bevor dieses Konzept in der dafür weitaus bekannteren Stadt eingeführt wurde - in London. Eine Mischung von Kreisen und Linien mit ‘Standardwinkeln’ ist niemals ganz zufriedenstellend, weil sie sich, wie wir sehen werden, schlecht kombinieren lassen.



Metroplan der Loterie Nationale (Paris, 1936)

Das Netz der Pariser Metro ist in vielerlei Hinsicht ein Alptraum für Designer, der viele Menschen dazu angeregt hat, Lösungen zu präsentieren, die ihnen gerade passend erschienen. Da die Linien 2 und 6 einen Ring bilden, liegt ein Kreis nahe. Aus geografischen und typografischen Gründen kann dies für Paris allerdings zu einem Netzplan führen, der unausgewogen ist, chaotisch oder beides.



Lebre-Metroplan (Paris, 1975)

In diesen beiden Beispielen bilden die geraden Linien letztlich fast alle möglichen Winkel, was dem strukturierenden Einfluss des Kreises entgegenläuft. Der frühe Berliner Entwurf war wenigstens geordnet, wenn auch Kreise und Linien mit ‘Standardwinkeln’ nicht unbedingt gut zusammenpassen.



Moskauer Metroplan von 1976 - Die Stationen mögen mit Marmorgewölben und Kronleuchtern ausgestattet sein - aber die Druckqualität ist schlecht.

Wenn überhaupt, dann hat die Moskauer Metro den Kreis zu einer Ikone des Netzplans gemacht, und in den 70er Jahren haben einige Designer Werke mit diesem Ansatz geschaffen, die als perfekte Netzpläne angesehen werden könnten. Nur ein idealer Kreis und schnurgerade Linien. Das Ergebnis unterscheidet sich fundamental von den besser bekannten Londoner Netzplänen. Es fällt auf, dass die Linien keine ‘regulären’ Winkel einhalten, weil der Designer ausschließlich darauf bedacht war, Geraden darzustellen. Diese Pläne sind wahrscheinlich die erfolgreichsten offiziellen Versionen, die von dem immer mehr als ‘richtiger’ Ansatz geltenden Weg abweichen.



Erster Plan mit konzentrischen Kreisen, Erik Spiekermann, 1989

Es fällt auf, dass alle Pläne bisher nur einen Kreis enthielten. Das Konzept konzentrischer Kreise war noch nicht untersucht worden. Der erste Plan mit konzentrischen Kreisen und perfekten radialen ‘Speichen’ hat anscheinend Erik Spiekermann geschaffen, ein radikal neuer Ansatz aus Anlass der Wiedervereinigung Berlins. Dieses Werk habe ich erst vor kurzem entdeckt, lange nachdem ich meinen eigenen Entwurf für Berlin fertiggestellt hatte (siehe unten). Dieser Entwurf ist anscheinend in einem Zeitschriftenartikel besprochen worden, evtl. ‘Print Magazine’. Kennen Sie Einzelheiten?



Pariser Metroplan von art/shop/eat, London, 2004

Manchmal sehe ich einen Netzplan, der mich innehalten lässt. So wie dieser, der in die Kategorie ‘für spätere Verwendung’ fiel. Dies ist meines Wissens der erste Plan mit konzentrischer Struktur - allerdings mit Ellipsen. Wie so oft schwächen die geraden Linien die Stärke des Entwurfs, unterlaufen sie doch die Stukturierung durch die Kurven. Meiner Erfahrung nach sind konzentrische Ellipsen weit schwieriger zu strukturieren. Speziell für Paris passen diese Formen allerdings besser zum Liniennetz.



Amsterdammer Straßenbahnplan, Eric Hammink, 2007

Ein weiterer Kreis-und-Radiale-Plan, den ich erst kürzlich entdeckt habe. Dieser funktioniert außergewöhnlich gut, weil Design-Richtlinien und Netzgegebenheiten so gut zusammenpassen.



Londoner Netzplan mit konzentrischen Kreisen, Jonathan Fisher, 2012

Dieser Netzplan inspirierte mich überhaupt erst dazu, über Kreis-Netzpläne zu schreiben. Dies ist der erste Entwurf mit konzentrischen Kreisen, von dem ich Kenntnis erhielt, allerdings ist er nicht ohne Probleme. London hat eine Ringlinie, die Circle Line (heute eher in Form einer Büroklammer), die allerdings nicht kreisförmig ist, sondern einer breiten Ellipse ähnelt. Jeder Versuch, sie als Kreis darzustellen, verzerrt die Geografie deutlich. Hinzu kommt die britische Vorliebe für horizontale Beschriftungen, die zu einer typografischen Herausforderung in diesem Ansatz führt. Jeder Versuch, die Circle Line als Kreis darzustellen, muss scheitern (Man beweise mir gerne das Gegenteil!). Dieser Plan macht auch noch einmal die Probleme deutlich, die eine Kombination von Kreisen und ‘Standardwinkeln’ mit sich bringt. Sie passen nicht zusammen und schwächen die Kohärenz des Entwurfs. Für einen Kreis spielt kein Winkel eine hervorgehobene Rolle. Keiner ist bevorzugt, wodurch sich die Elemente des Plans schlechter integrieren lassen. Als Konsequenz erscheint es willkürlich, ob und welche Linienführung eine Gerade oder ein Kreissegment wird. Siehe die Docklands Light Railway (hellgrün) nach Lewisham in Südlondon im Vergleich zu den angrenzenden Overground-Linien (orange).



Mein Londonder U-Bahnplan mit konzentrischen Kreisen, 2013

Damit ein Design erfolgreich ist, muss es das gewisse Etwas haben, doch ich wollte auch, dass die Kreise und Geraden besser miteinander ‘kommunizieren’. Die Lösung war, alle Geraden zu radialen Linien zu machen, die jeden Kreis unter exakt einem rechten Winkel kreuzen. Leider musste ich ein wenig mogeln. Einige Geraden verlaufen lediglich parallel zu ‘echten Speichen’, andere tangieren Kreissegmente. Darum kümmere ich mich vielleicht später, nachdem die Netzerweiterung ‘Thameslink’ fertiggestellt ist.



Mein Berliner U- und S-Bahnplan mit konzentrischen Kreisen, 2013

Für Madrid musste ich auch ein wenig bei den Geraden mogeln, während bei Berlin erstmals jede gerade Linie exakt radial verläuft. Ein paar Versuche kostete es, den geeigneten Mittelpunkt des Plans auszuwählen (ist es der richtige, passt alles wie von selbst zusammen, ist es der falsche, führen alle Bemühungen zu nichts). In Berlin ist es geradezu ausgeschildert: Stadtmitte - natürlich! Nach dieser Erkenntnis war der Rest des Plans einfach. Es ist wohl derjenige meiner Netzpläne mit der geringsten geografischen Verzerrung.



Mein New Yorker U-Bahnplan mit konzentrischen Kreisen, 2013

Meine Annahme war immer, dass sich ein Plan mit konzentrischen Kreisen nur für Netze mit Ringlinien eignen würde, da eine im Netz vorhandene Charakteristik in den Mittelpunkt gestellt wird. Ohne Ringlinie, und bei einem schachbrettartigen Grundriss in Manhattan, habe ich zunächst an einem funktionierenden Plan für New York ernsthaft gezweifelt. Das Zentrum des Plans liegt hier nun nicht auf dem Festland, und wiederum passte dann der Rest des Plans fast von selbst. Dies ist mein bisher vielleicht eingängigster und strukturiertester Netzplan.

Wohin als nächstes? Die umfangreichen Verkehrsnetze von Seoul und Beijing sind Herausforderungen, und vielleicht sind diese Regeln für manche Städte geeigneter. Vielleicht funktionieren auch Ellipsen unter bestimmten Bedingungen sehr gut. Vielleicht Spiralen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Der Fortschritt könnte allerdings seine Zeit brauchen!